Erste Nachlese Seilertag 2012

Hier eine erste kleine Nachlese vom Seilertag - es kommt noch mehr.

Verbindungen schaffen

Emotional bewegend, finanztechnisch weiterbildend und schließlich technisch überaus interessant: Der Seilertag in Oldenburg, zu dem insbesondere Rupert Hutterer, Präsident des Bundesverbands des Deutschen Seiler- und Netzmacher-Handwerks und der Gastgeber Dr. Hannes Kremmin, Geschäftsführer der Firma Mechanische Netzfabrik Walter Kremmin Oldenburg eingeladen hatten, konnte auch in diesem Jahr mit einem ausgesprochen breiten Spektrum an Themen rund um das klassische Verbindungs- und Kraftübertragungselement aufwarten. Eingebettet in Vorstandssitzung und Mitgliederversammlung, bot insbesondere der zweite Veranstaltungstag mit drei Referaten und einer ausführlichen Betriebsbesichtigung des gastgebenden Unternehmens, dem Flechtmaschinenhersteller August Herzog, ein vielfältiges Informationsangebot, das gerne von den rund 100 Teilnehmern der Branche genutzt wurde.

Brückenbau durch Toni und Walter

Einen ganz besonderen Eindruck hinterließ bei allen Zuhörern Toni Rüttimann. Mit einfachsten Mitteln und Resten der Industrie baut der Schweizer in Entwicklungsländern mithilfe der lokalen Bevölkerung Brücken und schafft so fundamentale Grundlagen einer Infrastruktur. Begonnen hat alles im Jahre 1987, als Rüttimann kurz nach Vollendung seines Abiturs von einem schweren Erdbeben in Ecuador erfuhr und spontan in das südamerikanische Land reiste, um der einheimischen Bevölkerung zu helfen. Ganz offensichtlich waren dabei die Schäden an der Infrastruktur, bei der nicht mehr existente Brücken plötzlich ganze Dörfer voneinander trennten und Versorgungswege unterbrochen hatten.

Erfolg spricht sich herum

Durch einen Zufall stieß Toni Rüttimann auf Bohrstandorte der Erdölexploration, auf deren Gelände abgelegte Stahlseilreste und Rohre in großen Mengen zu finden waren. Ein weiterer Zufall brachte ihn dann noch mit dem einheimischen Pipelineschweißer Walter Yanez zusammen, der zukünftig die notwendigen Schweißungen an den Brückenkonstruktionen vornehmen und zum ständigen Weggefährten von Toni werden sollte. Schließlich konnte er bei einer seiner ersten Heimatreisen noch zwei Unternehmen überzeugen, ihre alten Lkw den Brückenbauern zu spenden, sodass schließlich die benötigten Reste der Erdölindustrie in einem weiteren Umkreis der geplanten Brücken eingesammelt werden konnten.

570 Brücken gebaut und weitere in Planung

Die Bilanz nach 25 Jahren Engagement von Toni und Walter spricht für sich: So entstanden bisher in Ecuador, Kambodscha, Thailand, Vietnam und Myanmar, der aktuellen Wirkungsstätte von Toni Rüttimann, rund 570 Brücken nach den Plänen des Schweizers. Weitere 150 Bauwerke befinden sich im konkreten Planungsstadium und über weitere, unzählige Querungen in Entwicklungsländern wird auch schon nachgedacht. übrigens konnte den Schweizer Selfmademan auch eine schwere Erkrankung mit einer immerhin fast zweijährigen Rehazeit nicht davon abhalten, weiter an der Perfektionierung seiner Brückenbaupläne zu arbeiten. So entstand in dieser Zeit ein Computerprogramm,das nicht nur die lokale Verfügbarkeitder Baumaterialien berücksichtigt, sondern deren Ergebnisse und Baupläne in der Landessprache übersetzt auf lediglich zwei DIN-A4-Seiten Platz finden.

Aktuelle Finanzsituation und zukünftige Technik

Weniger emotional, dafür weitaus näher an der wirtschaftlichen Realität der Verbandsmitglieder, war schließlich ein Vortrag von Dirk Gerlach von der Bundesbank in Hannover angesiedelt, der zur aktuellen Finanzsituationreferierte und dabei natürlich auf die Staatsschuldenkrise ausgesuchter Euroländer einging – immer natürlich auch mit Blick auf die Beziehungen der Unternehmen zu ausländischen Kunden. Einen weiten Blick in die Zukunft,deren erste Vorboten jedoch schon heute im realen Hebealltag zum „Tragen“ kommen, warf schließlich Rigo Bosman von DSM Dyneema, der über die Entwicklung bei den textilen Hebemitteln, den Dyneema Faserseilen,insbesondere im maritimen Bereich berichtete.

Praktischer Einsatz und Prüfung

So kommen schon heute aus Gewichtsgründen groß dimensionierte Seildurchmesser beispielsweise in der Offshoreindustrie zum Einsatz, die wichtige Erkenntnisse für eine weitere Verbreitung dieses High-end-Produkts auchin Onshoresegmenten liefern. In Ergänzung zur technischen Weiterentwicklung sind inzwischen in Norwegen beispielsweise auch die ersten, ausreichend dimensionierten Prüfeinrichtungen im Einsatz, die die Leistungsfähigkeitder Faser an realen Baumustern nachweisen können.Und aus den kreisrunden Seilen sind mittlerweile auch schon ovale Varianten entstanden, die bei geringerem Materialeinsatz vergleichbare Leistungen aufweisen. Traditionsreicher Gastgeber Den praktischen Bezug zum theoretischen Vortrag des Dyneema-Experten Rigo Bosman stellte nach einem Mittagsimbiss schließlich Dr. Janpeter Horn her, der in der mittlerweile fünften Generation als Geschäftsführer der August Herzog Maschinenfabrik auf eine Flechtmaschineaus der Oldenburger Produktion verweisen konnte, die nach ihrer Fertigstellung Dyneema-Faserseile flechtet. Angesichts der Informationsfülle und dem einmal mehr attraktiven touristischem Rahmenprogramm war es so nicht weiter verwunderlich, dass auch in diesem Jahr die Teilnehmer eine ausgesprochen positive Bilanz des Seilertags zogen und gespannt auf das nächste, nationale Treffen in zwei Jahren warten, das dann vermutlich in Süddeutschland stattfinden wird.

Frank Heise (Kran & Hebetechnik 6/2012)